Seelsorge mit Untertiteln

DIE WELT vom 23. Januar 2010

Pastorin Sabine Spirgatis kennt die Probleme Schwerhöriger und stellt sich in ihren Gottesdiensten gezielt darauf ein.

Am Anfang war das Wort, aber nicht jeder kann es gut hören: 19 Prozent der Deutschen über 14 Jahre sind laut einer Studie der Universität Witten hörbeeinträchtigt. Ab dem 50. Lebensjahr steigt die Schwerhörigkeitskurve stark an. Wem das Gehör fehlt, dem fehlt auch das Wort - und hier setzt die Arbeit von Sabine Spirgatis ein: Die Hamburger Pastorin mit Sitz in Oststeinbek bekleidet seit fünf Jahren die einzige Stelle der Schwerhörigen-Seelsorge für Nordelbien. "Es gibt immer mehr schwerhörige Menschen in der Gesellschaft, die brauchen ein Sprachrohr - es ist Aufgabe der Kirche, sie nicht vereinsamen zu lassen."

Denn Schwerhörigkeit, so das Ergebnis einer Forschungsarbeit, ist - anders als etwa das Angewiesensein auf das Tragen einer Brille - mit einem Stigma behaftet. "Keiner möchte zugeben, dass er nicht mehr gut hört", sagt Sabine Spirgatis, "ein Hörgerät bedeutet Altsein." Noch größer ist die Hemmschwelle vor den technischen Herausforderungen des Geräts, und so beginnt eine Spirale des Sich-Zurückziehens, an deren Ende die Einsamkeit steht. "Der Betroffene nimmt seine Beeinträchtigung zuerst als Fehler der anderen wahr. Dann heißt es nach einer Predigt: Frau Pastorin, Sie nuscheln so." Doch unklar ist nicht die Botschaft, sondern der Empfang.

Sabine Spirgatis hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen mit Schwerhörigkeit anzusprechen, sie aufzuklären und zu informieren. Zusätzlich fährt sie in andere Gemeinden und spricht über ihre Ziele. Die Affinität zum Thema liegt in ihrer eigenen Familie begründet: "Mein Sohn ist auf einem Ohr gehörlos." Ihm hilft ein Hörgerät, aber dessen Akzeptanz ist in der Bevölkerung gering: "Nur zehn Prozent aller Schwerhörigen sind mit einem Gerät versorgt." Haben sie eins, können sie häufig nicht richtig damit umgehen. Sabine Spirgatis kennt die Probleme der Schwerhörigen und stellt sich in ihren Gottesdiensten gezielt darauf ein. "Ich spreche laut und deutlich, denn viele Schwerhörige lesen die Worte von den Lippen ab. Schwerhörigkeit ist anstrengend, denn sie verlangt ständige Konzentration." Deshalb legt die Pastorin die Predigt in gedruckter Form vor und benutzt Folien und einen Overheadprojektor, um das Wort Gottes an die Gemeinde zu bringen. "Wenn die Ohren schlecht werden, muss man mit den Augen hören. Menschen erleben es als Frust, wenn sie nichts verstehen. Da biete ich einen Gottesdienst mit Untertiteln an." Ihr seelsorgerischer Auftrag setzt da an, wo die Betroffenen sonst den Rückzug wählen. "In Seniorenkreisen beobachte ich beispielsweise, dass manche beim Kaffeeklatsch nur still dabeisitzen - meist nur, weil sie nicht richtig hören." Doch nur wer hört, gehört auch dazu.

Die Pastorin gibt Informationen für Kollegen - "das gute Mundbild bei der Predigt ist wichtig für die Lippenleser" -, und sie widmet sich der besonderen Situation der Angehörigen, die mit schwerhörigen Menschen zusammenleben. Mit dem Gehör, so die Schwerhörigenseelsorgerin, ist auch das innere Gleichgewicht gestört und braucht vermehrt Ansprache.

Die Konzepte für ihre Arbeit entstehen in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Schwerhörigenbund und einer Hamburger Schule für Hörgeschädigte, an der Sabine Spirgatis Konfirmandenunterricht erteilt. Darüber hinaus wird sie nie müde, zum Gebrauch eines Hörgeräts zu ermutigen. "Wer zu lange wartet, muss das Hören wieder neu lernen", warnt sie, "das Hörgerät ist kein neues Ohr, sondern eine Hörhilfe. Gehört wird im Gehirn." Das aber verlernt das Übersetzen der Geräusche, wenn der Hörsinn zu lange brachliegt. "Die Menschen brauchen Ermutigung, ein Hörgerät macht nicht wie eine Brille beim Einsetzen alles wieder gut, das ist ein längerer Prozess", so die Pastorin. Schwerhörigkeit werde zu sehr als Nischenthema behandelt, dabei wird das Problem angesichts der Bevölkerungsentwicklung in Zukunft immer mehr zunehmen: "Die Hörbeeinträchtigung setzt aufgrund der wachsenden Lärmbelastung immer früher ein und wird immer mehr Menschen betreffen." Barrierefrei, sagt sie, heißt auch, Dinge hörbar zu machen, "da gibt es noch viel zu tun. Dafür bin ich da."