'Ich höre die Akkorde in Gedanken'

List (epd). Hans Borstelmann (80) hat vor drei Jahren durch eine Krankheit sein Gehör verloren. Dennoch beherrscht er seine Orgel so sicher, dass er sogar improvisiert. Seit 30 Jahren spielt er die Orgel in der Gemeinde St. Jürgen in List auf Sylt. «Ich höre die Akkorde und Melodien zwar nicht akustisch, aber in Gedanken», sagt der Kirchenmusiker. «Durch mein langes Vorleben als Musiker habe ich sie im Kopf.»
Die Liebe zur Musik wurde Hans Borstelmann vom Vater vermittelt. Der Banjo-Spieler lebte als junger Mann zeitweise in Lateinamerika. Er kehrte nach Sylt zurück, gründete eine Familie und wurde Sparkassen-Direktor. Seinen jungen Söhnen Willi und Hans sagte er: «In der Musik könnt ihr überall auf der Welt zu Hause sein.» Ein Satz, der sie prägte. Beide Jungen wurden früh Organisten in ihrer Heimatgemeinde St. Severin in Keitum (Sylt).
Parallel dazu lernte Borstelmann das Handwerk des Uhrmachers. In Klanxbüll auf dem nordfriesischen Festland hat er weiter georgelt, später dann in Niebüll-Deezbüll. Zwischendurch ging er für ein Studium der Kirchenmusik nach Lübeck. Danach ließ sich der junge Uhrmacher-Geselle in Hamburg zum Meister ausbilden. Seitdem lebt er in Westerland auf Sylt.
Über die Musik fand Hans Borstelmann auch seine Frau Elsa. «Wir haben uns im Chor kennengelernt. Die Musik hat uns unser ganzes Leben lang verbunden», erinnert sie sich. Früher begleitete er den Gesang seiner Frau auf der Orgel. Heute begleitet sie ihn, wenn er spielt. Beim sonntäglichen Gottesdienst, bei Beerdigungen und Hochzeiten in der Lister Gemeinde sitzt sie mit ihm auf der Orgel-Empore. Ab und zu gibt sie ihm ein Zeichen mit der Hand, etwa wenn er zu laut spielt - denn das kann Hans Borstelmann nicht hören.
Er ist taub, seitdem er vor drei Jahren an einer Hirnhautentzündung erkrankte. Durch die Medikamente verlor er sein Gehör. Dass ihr Mann trotzdem so ausgeglichen sei, das bewundere sie an ihm, sagt Ehefrau Elsa. Mit Hilfe eines Cochlea-Implantats kann er gesprochene Worte mittlerweile wieder hören. Aber Töne nimmt er nur als diffuses Geräusch wahr.
Für sein Noten-Pult hat er sich einen kleinen Rückspiegel gebaut, damit er Pastorin Petra Hansen sehen kann. Sie gibt ihm während des Gottesdienstes Signale, damit er zum richtigen Zeitpunkt einsetzt. «Ich bin sehr froh darüber, dass wir Herrn Borstelmann haben», sagt sie.
Der Musiker ist auf der Insel hoch angesehen. In den 1970er Jahren hat er mit den Orgelvespern in St. Martin in Morsum mit dem damaligen Pastor Jochim Hartung eine Sylter Tradition begründet. Heute spielt sein Sohn in der Morsumer Kirche. Der 51-jährige Jürgen Borstelmann ist ebenfalls Kirchenmusiker und Organist. Er gibt regelmäßig Konzerte und ist für die Ausbildung des Orgel-Nachwuchses auf Sylt zuständig. Eine seiner besten Schülerinnen ist die eigene Tochter Ramona (13).

Von Silke Nora Kehl in: epd-wochenspiegel 41/2014 vom 6. Oktober 2014