Die Hand am Ohr. Eine kleine Geschichte der Hörhilfen

Rainer Hüls, Die Hand am Ohr. Eine kleine Geschichte der Hörhilfen

erschienen Hamburg 2009, 208 Seiten

ISBN 978-3980810739

Im Vorspann dieses sehr interessanten und empfehlenswerten Buches lesen wir, dass der Autor 1947 in Hamburg geboren wurde und mehrere Bücher zum Thema Hören und Hörhilfen verfasst hat. Vor Jahren versuchte ich, im Internet Bücher zu diesen Themen zu recherchieren: Fehlanzeige. Ich fand nur ein sehr teures englisches Buch über Hörgerätetechnik.

Sehr schön, dass sich dies nun ändert: Das vorliegende Buch ist reich mit Farbbildern ausgestattet und beschreibt die Hörhilfen im Laufe der Zeit, desgleichen Personen, welche ihre Entwicklung aktiv gestalteten, historische Personen mit Hörproblemen (neben Beethoven gehörten auch Julius Cäsar und ein Papst aus dem 13. Jahrhundert dazu) oder als Hörbehinderte den Fortschritt voranbrachten. Gerade das gefiel mir: Es wird die Botschaft vermittelt: Menschen sind es, die sich einfach nicht abfinden wollen mit dem Zustand: „Mein Gehör ist nicht wie das der anderen“, sondern verlangen: „Ich will wieder hören!“ Fortschritt kann sich nur da einstellen, wo es Menschen gibt, die auf ein Problem hinweisen und verlangen, dass man sich damit befasst.

Die Sprache des Buches ist keineswegs techniklastig, alles liest sich sehr unterhaltsam und wir erfahren von bisher unbekannten Dingen: In den Jahrhunderten vor der Entwicklung der Elektrizität, bzw. Elektronik erkannten die Menschen die Bedeutung der Ohrmuscheln: Der Schall wird von den äußeren Ohren gebündelt und in den Gehörgang geleitet. Deswegen nimmt man laut Autor an, dass beispielsweise die Pharaonen und ihre hohen Beamten die typischen Kopfbedeckungen (wir sehen ein Bild des blau-goldenen Kopfschmucks des Tut-anch-Amun) trugen, weil diese schallverstärkend wirkten: Sie drückten die Ohren nach vorne und das gestärkte Leinen der breiten Seitenteile wirkte wie ein zusätzlicher Schalltrichter.

Auf diesem Prinzip beruht auch die Anordnung der antiken Amphitheater mit halbkreisförmig ansteigenden Sitzreihen. So wurde der von der Bühne kommende Schall konzentriert reflektiert. Zudem trugen die Schauspieler (damals idR nur Männer) Masken, die Mundstücke besaßen, sozusagen Vorformen der Lautsprecher.

Weiterhin kommt das Prinzip des Klangkörpers, bzw. der Resonanzkammer zur Anwendung: Ein hohler Körper kann Töne aufnehmen und verstärken. Ein Historiker aus der Zeit der chinesischen Song-Dynastie (960-1279) beschreibt Tonkrüge, deren Öffnungen mit einer Lederhaut verschlossen wurde. Man stellte diese in tiefen Schächten an Festungsanlagen und postierte Leute mit gutem Gehör daneben. Wenn feindliche Pioniere versuchten, geheime Tunnels zu graben, konnten die Horchposten diese Geräusche in den Resonanzkörpern wahrnehmen. Stellte man zwei Tonkrüge nebeneinander auf, konnte man durch die Differenzumfänge der Töne sogar Richtung der Feinde orten.

Dies erscheint mir sehr interessant, allerdings fehlt es in dem Werk durchgehend an Fußnoten mit weiteren Quellenhinweisen. Dies könnte eventuelle in einer 2. Auflage nachgeholt werden, mindert aber keineswegs den Informationswert.

Auf dem Prinzip der Klangkörper und Resonanzkammern beruhen dann die Hörrohre, welche in vor-elektronischer Zeit aufkamen. Das Prinzip des Hörrohres besteht vereinfacht gesagt in folgendem: Vorne haben wir eine große Öffnung, die sich verengt und per Schlauch dann in den Gehörgang mündet. Der Schalldruck nimmt zu, je kleiner der Querschnitt des Rohres wird. Der Verfasser bringt Bilder, wie z.B. an einem Sessel zwei riesige Hörrohre montiert sind, die mit einem Schlauch jeweils rechts und links mit dem Ohr verbunden werden können. Wir sehen auch eine Hörhilfe für Journalisten: Zwei Hörrohre, beidseitig an einer Kappe angebracht. Kleine Rohre bedeuten allerdings physikalisch einen geringen akustischen Zugewinn.

Es gab auch eine Art Brosche für Damen mit zwei diskreten Schläuchen: Die Brosche diente als Resonanzkammer.

Eine Eigenbeobachtung: Diese Hörrohre waren in der vorelektronischen Zeit so prägend, das einer meiner Sportlehrer meine Hörgeräte (HdO) ständig als „Hörrohren“ bezeichnete.

Es ist aber klar, dass bei extremen Graden von Schwerhörigkeit bzw. bei dem Fehlen hoher Töne eine reine Verstärkung nicht mehr ausreicht.

Das Zeitalter der Elektrizität, die dann in die Elektronik übergeht ermöglicht neue Entwicklungen: Passend wird dieser Abschnitt von Hüls mit „Die Elektrifizierung des Hörens“ überschrieben. Der elektrische Hörapparat verwandelt akustische Signale in elektrische Spannungsschwankungen und zurück in verstärkte akustische Schwingungen. Ausgangspunkt war die Erfindung des Telefons. Hüls verweist darauf, dass es mehrere Erfinder des Telefons gibt: Philip Reis, Antonio Meucci, Elisha Gray und Alexander Graham Bell. Leider war der Deutsche Philip Reis schon mit 40 an Tuberkulose gestorben und hatte kein Patent auf seine Erfindung angemeldet. Er war der erste, aber anerkannt wurden später nur Bell und Meucci, Gray war mit seiner Patentanmeldung 2 Stunden (!) zu spät.

Auch die Erfindung des elektrischen Hörapparates gelang mehreren Leuten, die Qualität der übertragenen Töne ließ aber noch sehr zu wünschen übrig. Thomas Alva Edison machte sich die elektrische Leitfähigkeit von Kohlestaub zunutze und entwickelte das Kohlemikrophon, das eine wesentlich verbesserte Hörqualität zuließ. Er war selber schwerhörig. Zitat Hüls, S. 8: „Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Technikgeschichte, dass ausgerechnet Thomas A. Edison, der Erfinder so wichtiger akustischer Geräte wie des Phonographen, des Mikrophons, des Megaphons und des Tonfilmprojektors, nicht auch das Hörgerät erfunden hat. Edison war selber hochgradig schwerhörig und es wäre verständlich gewesen, wenn er der Entwicklung des Hörverstärkers oberste Priorität eingeräumt hätte.“ Ja, man drängte ihn dazu. Edison soll gesagt haben, ein solcher Apparat sei gefährlich, weil er das Gehör weiter schädigen könnte. Später soll er zugegeben haben, er können sich besser konzentrieren, wenn es still um ihn sei. Erst Miller Reese Hutchinson stellte 1899 die ersten elektrischen Hörapparate in Serie her. Sie kosteten 400 Dollar, zu teuer für viele. Wir sehen: Schon damals gab es das Problem: Gutes Hören hat seinen Preis. 1901 entwickelte er eine preiswertere Variante, welche 60 Dollar kostete. Später half ihm der US-Präsident des 1. Weltkrieges, Thomas Woodrow Wilson, Investoren zu finden.

Es folgt die Beschreibung des weiteren technischen Verlaufes. Der geniale Physiker Albert Einstein hatte auch einen Anteil an der Erfindung des Knochenleitgerätes. Durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten war Einstein zur Emigration gezwungen und konnte das Projekt nicht mehr realisieren. Es wurde in den frühen 70er Jahren in Schweden wieder aufgegriffen. Im weiteren Verlauf des Buches werden bedeutende Persönlichkeiten mit Hörgeräten vorgestellt, darunter die US-Präsidenten Ronald Reagan und Bill Clinton, ebenso Kanzler Helmut Schmidt und viele Persönlichkeiten aus dem Bereich Kunst und Kultur. Über Kanzler Schmidt wird eine Anekdote berichtet: Er bekam sein erstes digital programmierbares HdO-Gerät und machte folgenden Test. Er ließ eine Büroschere auf den Tisch fallen. Das laute Geräusch war gar nicht schmerzhaft, die Störschallunterdrückung hatte blitzschnell reagiert.

Abgerundet wird das Werk mit einem Überblick über digitale Hörgeräte und Kleinsthörgeräte bis hin zum CI, ebenso auch Entwicklungen rund um die Hörgeräteanpassung wie z. B. das Hörmobil und der Hörgarten. Zuletzt wird auch erwähnt, dass es Versuche gibt, zerstörte Haarsinneszellen mit Hilfe der Gentechnik wieder nachwachsen zu lassen, aber bisher gab es hier keine Erfolge. Am Ende finden wir Wissenswertes im Stil von Powerpoint-Graphiken auf zwei Seiten und eine Bildergalerie von prominenten Hörgeräteträgern.

Ein interessantes gut zu lesendes Werk, das in der Neuauflage aber noch durch Quellennachweise ergänzt werden sollte. Mit einem Kapitel konnte ich allerdings nicht so recht etwas anfangen: „Lichtschlangen und Hörvögel“, S. 17 ff. Da ist von einer 2000 Jahre alten „Batterie von Bagdad die Rede, es wird die Spekulation genannt, die Bundeslade sei ein elektrischer Verstärker gewesen. Allerdings wird dieses Kapitel eingeleitet mit den Worten: „Grenzwissenschaftler und Esoteriker sind seit Jahrzehnten vom Tempel der Hathor…fasziniert…“, weil der auf Reliefs angeblich antike Leuchtkörper zeige. Dieser Ausflug à la Däniken ist aber sehr kurz und tut dem Werk keinen Abbruch.

Ralf Maier