Ohrenrausch und Götterstimmen

Uwe C. Steiner

Erschienen 2012 im Wilhelm Fink Verlag, Paderborn, 271 Seiten, 29,90 €

ISBN: 978-3-7705-5336-5

Ohrgeräusche und – klänge, die wir heute unter dem Begriff Tinnitus zusammenfassen, sind keine neuzeitliche Erfindung. Schon im Alten Testament und bei den alten Griechen finden sich Spuren dieses Phänomens, das sich heute zu einer Volkskrankheit gemausert hat. Der Germanist und Soziologe Uwe C. Steiner erzählt die faszinierende Geschichte des Ohrenklangs und seiner Deutungen, denn das Leiden hat seit jeher existiert und medizinische Rätsel aufgegeben. 'Heute versuchen die Ärzte ihr Glück mit akustischer Stimulation, Verhaltenstherapien, Tabletten, Physiotherapie und sogar elektrischen Gehirnstimulationen. Einst aber verordnete man dagegen in Honig gekochte Haselmäuse, Urin oder Mandelöl.'(Klappentext). Auf 278 Seiten führt der Autor in einem spannenden Diskurs durch die Geistes- und Literaturgeschichte der Jahrhunderte. Es ist nicht immer ganz leicht, seinen Gedanken zu folgen (Habilitationsschrift) – aber faszinierend zu lesen. Die vielen ausführlichen Textstellen, die Steiner zitiert, sind eine Fundgrube für alle Betroffenen, aber auch für Menschen, die sich beruflich mit dem Thema auseinandersetzen. Anders als Ratgeberliteratur und Veröffentlichungen von Selbsthilfegruppen geht es nicht um die 'Bewältigung' von Ohrgeräuschen. Der Autor betrachtet das Phänomen Tinnitus nicht als individuelles, dem Einzelnen als Problem aufgebürdeten Leiden, sondern als Symptom einer von Kommunikation und Lärm ('überakustisches Zeitalter') dominierten Gesellschaft.

Antje Donker