Barrierefreie Theologie - Herausforderungen durch Ulrich Bach

Anne Krauß

Dissertation Erlangen 2010, 472 Seiten

Bezug: Anne Krauß, Heideloffstr. 21, 90478 Nürnberg, 20 €

 

Die Theologie von Ulrich Bach (1931-2009) ist durch seine eigene Lebensgeschichte geprägt (1952 an Polymyelitis erkrankt, seither auf den Rollstuhl angewiesen). Aus dieser kritischen Perspektive stellte er kritische Fragen an Bibel, Theologie, Kirche und Diakonie. Die hörbehinderte Autorin nähert sich ihm aus eigener Betroffenheit, riskiert dabei, als parteiisch abgestempelt zu werden, und ordnet ihr Buch in die Arbeit kontextueller Theologie sowie der „Disability Studies“ ein.

Bachs theologischen Weg bestimmten u. a. die Bonner Theologen Ernst Bizer, Walter Kreck, Hans Joachim Iwand und Helmut Gollwitzer. Durch sie wurde Luthers Kreuzestheologie zur Grundlage seines theologischen Denkens. Einschränkend heißt es: „Bachs vorrangige Intention dürfte nicht darin bestanden haben, ein vollständiges theologisches System zu entwerfen“, sondern „kritische Anfragen und korrektive Impulse zu verschiedenen theologischen loci zu geben“ (66). Für sich selbst bekannte er: „Gott will, dass dieses Leben im Rollstuhl mein leben ist.“ (125).

Angesichts dieser zugespitzten Aussage befragt die Autorin seine Position im Gegenüber zu theologischen Disziplinen und ihren Nachbarwissenschaften. Dabei orientiert sie sich an den Themen

- Heil und Heilung

- Kritische Überlegung zu Bachs Hermeneutik

- Der Sinn von Krankheit und Behinderung

Abgeschlossen wird dieser Teil durch die Frage nach der Rolle von Ulrich Bach im theologischen Diskurs. Die Autorin stellt fest, dass Theologie und Kirche noch einen weiten Weg zu gehen haben, um den Punkt zu erreichen, an dem Ulrich Bach mit seinem Werk steht. Nun ist ein theologischer Diskurs prinzipiell offen, und folglich ist auch die Kreuzestheologie kein für alle Zeit festgeschriebenes Dogma. Die Menschenrechte werden heute zwar mit Pathos vertreten, erweisen sich aber allzu oft als zerbrechliche Gebilde von Menschenhand. So wird es darum gehen, die Impulse aus dem Werk von Ulrich Bach in der praktisch-theologischen Arbeit fruchtbar zu machen.

Dem dienen „Weichenstellungen für eine Praktische Theologie nach Ulrich Bach“, exemplifiziert an Homiletik und Bibliodrama. Letzteres kann nur unter Mühen aus dem Feuer Bachscher Kritik gerettet werden. In die Homiletik bringt die Autorin die bei Bach kaum beachteten Probleme von Hörschädigungen ein. Bereits auf S. 31 - 33 macht sie Bemerkungen zur Teilnahme Schwerhöriger am Gottesdienst. Später gerät das Thema im Schatten Bachscher Kritik an Heilungswundern in den Bann von Markus 7, 31 - 37 und seiner Auslegungsgeschichte (S.163. 195 f. 316-321.328. 341-346. 356-363). Die vorwärtsweisenden Impulse, z. B. im Werk von Martin Luther, gehen dabei unter. Mit zwei Zitaten aus der Gebärdenbewegung (S. 360 - 363) gewinnt die Autorin Abstand von diesem Text und öffnet für sich selbst den Weg zu einer multiperspektivischen Wahrnehmung. Sie bietet die Möglichkeit, in Ruhe über Schwerhörige im Gottesdienst nachzudenken. Prinzipielle Überlegungen zu einer barrierefreien Theologie und Hermeneutik beschließen das Buch. Noch einmal wird einschlägige Literatur kritisch referiert. Zeitgemäßer Zielpunkt der barrierefreien Homiletik ist die Inklusion als Überbietung der Integration. Das klingt inzwischen vertraut. Der Imperativ aber, die Mehrheitsgesellschaft müsse ihre Handlungsbarrieren abbauen, wird erfahrungsgemäß verpuffen. Vielleicht hilft Poesie weiter:

„Und manchmal kommt ein ernster Hergereister (…)

und zeigt uns zitternd einen neuen Griff“. (R. M. Rilke)

Ulrich Bach war ein solcher Hergereister, der uns „Werkleute“ in Erstaunen versetzte, so dass wir Vertrautes ernsthaft überdachten. Doch wir blieben Mitglieder der alten Dombauhütte, in der unser Platz ist und war. Der Autorin ist zu danken, dass sie uns an dieses Dilemma erinnert und zugleich viel Material zum Weiterbau geliefert hat.

Dietfried Gewalt