Wie bitte?

David Lodge

Roman, erschienen im Blessing Verlag

ISBN 978-3-89667-396-1, gebunden, 360 Seiten, 19,95 €

 

„Der hochgewachsene Mann mit grauem Haar und Brille, der am Rand der Menge im Hauptraum der Galerie steht und sich tief zu der jungen Frau in der roten Seidenbluse hinunterbeugt, den Kopf zur Seite geneigt, weise nickend …, ist nicht, wie man denken könnte, ein Priester außer Dienst, den sie dazu überreden konnte, ihr inmitten einer Party die Beichte abzunehmen, oder ein Psychiater, dem sie eine kostenlose Behandlung abgeschwatzt hat; Zweck der Übung ist es auch nicht, ihm einen besseren Einblick in ihr Dekolleté zu verschaffen … Grund für seine Haltung ist die Tatsache, dass um ihn herum ein mörderischer Lärm herrscht, ein Stimmengewirr, das von der Decke, den Wänden und dem Fußboden abprallt und um die Köpfe der Gäste herumwirbelt, die dadurch genötigt sind, noch lauter zu sprechen, um sich Gehör zu verschaffen … Für den Mann … hat der Lärm schon vor einiger Zeit einen Pegel erreicht, der es ihm unmöglich macht, mehr als hin und wieder ein Wort oder einen Satz von ihr zu erfassen. Das Wort ‚Seite’ taucht immer wieder auf – oder ist es ‚Seife’? Und ‚Hilfeschrei’ – oder ‚Hirsebrei’? Der Mann ist nämlich ‚schwerhörig’ oder ‚hörbehindert’, oder um es klipp und klar zu sagen: taub. Nicht stocktaub, aber so stark beeinträchtigt, dass im menschlichen Miteinander die Kommunikation für ihn meist problematisch und manchmal, so wie jetzt, unmöglich ist.“ Mit dieser Szene beginnt der Roman von David Lodge.

Der Linguistikprofessor Desmond Bates wurde aufgrund einer zunehmenden Schwerhörigkeit in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Während er sich auf den letzten Lebensabschnitt vorbereitet, macht seine deutlich jüngere Frau Winifred Karriere und steht mitten im gesellschaftlichen Leben. Der Altersunterschied von 10 Jahren wird ihm mehr denn je schmerzlich bewusst. Vor allem aber ist es der zunehmende Verlust des Gehörs, der ihn selbst beim harmlosen Smalltalk in Verlegenheit bringt. In größeren Gruppen und auf Gesellschaften ist er hilflos den meist miserablen akustischen Verhältnissen ausgeliefert. Aber auch das Verhältnis zu seiner Frau wird durch die erschwerte Kommunikationsfähigkeit deutlich getrübt. Da tritt plötzlich die junge und attraktive Doktorandin Alex Loom in sein Leben, die ihn in eine etwas skurrile abenteuerliche Geschichte verstrickt.

Ich habe den Roman von David Lodge gelesen ohne ihn auch nur ein einziges Mal aus der Hand zu legen. In zahlreichen Szenen wird Lodge nicht müde, von den vielen Wortverwirrungen und (vermeintlich) peinlichen Szenen zu erzählen, die durch seine verminderte Hörfähigkeit entstehen. So muss er einmal die Sitzbänke aus seinem Auto ausbauen lassen, weil ein Hörgerät unauffindbar in einer Ritze verschwunden ist. Die Beschreibung dieser Szenen lässt deutlich den autobiographischen Hintergrund der Hauptfigur erkennen. Freude macht das Buch nicht nur wegen der grandiosen Wortspiele und der ausgefeilten Sprache. Vor allem imponiert mir, dass der Protagonist sich immer wieder von seinem Humor einen Weg durch deprimierte und depressive Phasen bahnen lässt, die er immer wieder erlebt. Diesem Roman gelingt es in besonderer Weise, das Schwere leicht zu sagen. So lässt er seine Leserinnen und Leser an seiner Welt und an seinen Schwierigkeiten durch den Verlust des Hörvermögens teilhaben, ohne sie mit der Schwere seiner Last zu erschlagen. Das ist eine Kunst, der man nicht oft genug begegnen kann – im Roman wie im ‚richtigen Leben’.

Antje Donker