Manfred Hintermair (Hrsg.)

Diskurse über das Dazugehören und Ausgeschlossensein im Kontext besonderer Wahrnehmungsbedingungen

Heidelberg, Median-Verlag von Killisch-Horn 2012

ISBN: 978-3-941146-27-3

224 Seiten

Anmoderation des Herausgebers: „Let’s talk about inclusion…“ Ein Hauch von Ironie schwingt mit angesichts der überbordenden Stellungnahmen zum Thema auf der Website des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Psalm 90,9 b!

Zur Fülle tritt das Tempo der Entwicklung. Geplant war die verbesserte und gekürzte Neuauflage eines 2006 veröffentlichten Sammelbandes. Doch kaum ein Artikel war noch auf dem neuesten Stand. Im vorliegenden Band geht es „im Kern darum, welche Chancen und Risiken insbesondere für die davon betroffenen gehörlosen und schwerhörigen Menschen enthalten sind und was sich daraus für Herausforderungen für die Personen ergeben, die diese Menschen in verschiedenen Phasen ihres Lebens begleiten (Eltern, Frühförderung, Schule, berufliche Bildung, Arbeitskollegen etc.) wie auch insgesamt für die Gesellschaft.“ (S. 7f.). Unter „etc.“ dürfen sich die Seelsorger/innen getrost einordnen.

„Menschenrechte und Ethik. Überlegungen zur Inklusion von Menschen mit einer Hörschädigung“ ist der Titel des Beitrags von Katrin Bentele. Sie stellt die schwierige Materie klar und lehrreich dar. Dass die Autorin (Dr. theol.!) nicht auch theologisch-ethisch argumentiert, verweist auf ein Problem in der aktuellen Ethik-Debatte (s. Martin Honecker, ThR 75, 2010, 72) und muss an Schwerhörigen- und Gehörlosenseelsorger weitergegeben werden: Wo bleibt unser Beitrag? Neben die philosophisch-ethischen Ausführungen stellt Helga Voit Einsichten aus ihrer lebensbegleitenden Forschung mit hörgeschädigten Menschen. Sie versteht Inklusionsprozesse als ein Streben nach Balance in vier verschiedenen Dimensionen: (1) Gleichheit und Verschiedenheit; (2) Geben und Nehmen; (3) Über- und Unterordnung; (4) Nähe und Distanz. Diese werden gesucht zwischen gesellschaftlichen Gruppierungen, im Rahmen von Institutionen, zwischen Individuen, aber auch intraindividuell. Hier werden die philosophischen Konstrukte an der Realität gelebten Lebens erprobt.

„Berührungspunkte zwischen Inklusion und Medizinethik“ überschreibt Emil Kammerer seinen Beitrag. Er konstatiert zu Beginn die - verglichen mit der Antike - Fülle von Werthaltungen. Das führte zur Individualisierung, die wiederum zur Attraktivität des Inklusionsgedankens beiträgt. Die Ursache sieht er u. a. im Schwund der traditionellen, bes. der religiös begründeten Normensysteme in der heutigen Gesellschaft. Die Fragestellung fordert das Mitdenken von Theologen heraus, die in den dargebotenen Materialien und Überlegungen reichhaltige Ansatzpunkte für eigene Überlegungen finden. Es gilt, sich auf den (Marathon-) Weg der Inklusion „als Antwort auf eine in rasantem Wandel befindliche multikulturelle Gesellschaft“ (79) zu begeben.

Manfred Hintermair, „Inklusion von gehörlosen und schwerhörigen Kindern und Jugendlichen - sozialwissenschaftliche und sozialisationspsychologische Betrachtungen“ ist ein/der Höhepunkt dieses Bandes. Der Neigung mancher Autoren, die Inklusion durch juridische Festschreibungen zum Eschaton zu erklären, stellt der Autor Denkansätze gegenüber, die gesellschaftliche Realitäten und utopische Wunschträume konfrontieren. So gelangt er zur Orientierung an Bedürfnissen, Entwicklungsaufgaben und sozialen Systemen, die er in einem Raster darbietet (98). Dabei übernimmt er den bereits seit Jahrzehnten in den USA aufgestellten Grundsatz, hörgeschädigten Kindern ein „Least Restricted Environment“ zu schaffen.

Johannes Hennies fragt: Ist das Neugeborenen-Hörscreening der Ausgangspunkt lebenslanger Partizipation? Was auf den ersten Blick wie ein philosophisches Glasperlenspiel aussieht, ist beim zweiten Hinsehen auch von verbands- und industriepolitischen Interessen geprägt. (Der Seelsorger hat die schwierige Aufgabe, die Argumente für seine Aufgaben fruchtbar zu machen!).

Mit Mark Marschark und Harry Knoors, „Sprache, Kognition und Lernen“ ergreifen Fachleute aus den USA/Schottland und den Niederlanden das Wort. Die Untersuchung zeigt, dass die optimistische Meinung, hörgeschädigte Kinder könnten durch den Einsatz von Gebärdensprache, Cochlea-Implantaten und anderen Hilfsmitteln mit gut hörenden Schülern im Klassenverband gleichziehen (S. 132. 161) nicht zutrifft. Die Autoren schlagen vor, die in solchen Klassen arbeitenden Lehrkräfte früh auszuwählen und auf ihre schwierige Aufgabe vorzubereiten. Was das für die Ausbildung für den Religions- und Konfirmandenunterricht bedeutet, ist unschwer zu erraten.

Hans Christoph Strauß fragt: „Gehörlose und schwerhörige Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen - Inklusion oder Illusion?“ Er wertete die nicht immer eindeutigen Statistiken und Internetseiten für Gehörlose aus. Neben akzeptablen Zuständen steht die Feststellung, „dass hörgeschädigte und andere schwerbehinderte Menschen deutlich häufiger und länger arbeitslos sind als andere Erwerbspersonen“ (192).

Cornelia Tsirigotis: „All inclusive“ heißt nicht „Entweder - Oder“ sondern „Sowohl als auch“… Der Artikel lädt „im Rahmen eines Diskurses um Ethik in der Hörgeschädigtenpädagogik… die Leserinnen und Leser“ dazu ein, „darüber nachzudenken, welche professionelle Haltung die Fachleute brauchen, wenn sie sich mit Pioniergeist … auf neues … Terrain begeben“ (198). Erfreulich sind die angeführten Einzelfälle, besonders von jungen Menschen mit Migrationshintergrund. Die Zuckerwatte des „Inklusions(träume)landes“, die den Artikel als Leitmotiv durchzieht, hinterlässt freilich einen klebrigen Nachgeschmack.

Am Ende des Buches wissen Leserinnen und Leser, dass Inklusion keine Spielerei ist, sondern harte Arbeit erfordert.

Dietfried Gewalt