Viel Lärm um Nichts ... oder?

Wenn Schwerhörigkeit ein weites Feld ist, dann hat sich Tinnitus für mich gerade zu einem ganzen Universum ausgedehnt, das es zu erobern gilt. Und je mehr ich gelesen habe, desto abenteuerlicher und verwirrender fand ich die Deutung des Phänomens, unter dem in Deutschland schätzungsweise 3 Millionen Menschen leiden.
Etwa drei Millionen Menschen in Deutschland hören Töne, die es nicht gibt.
Oder besser gesagt: Sie hören Töne, die nicht messbar sind, die objektiv und von Außenstehenden nicht nachvollziehbar sind. Die Deutsche Tinnitusliga hat den schönen Satz 'Ich höre was, was du nicht hörst' geprägt, der das ganze Dilemma dieser Geräuschkulisse deutlich macht.
Völlig unbedarft hätte ich vermutet, dass es sich eher um ein neuzeitliches Leiden, um eine sogenannte Zivilisationskrankheit handelt.
Schnell stellte sich heraus, dass Ohrgeräusche schon sehr lange bekannt sind. Allerdings hat es in den letzten Jahren und Jahrzehnten sehr an Dynamik gewonnen. Überrascht hat mich dennoch das Ergebnis einer Google-Abfrage im Internet: Innerhalb von 0,10 Sekunden werden 8.680.000 Ergebnisse zum Stichwort ‚Tinnitus’ ausgeworfen.
„Die größte Qual bereitet mir das fast ununterbrochene Getöse im Inneren, das mir im Kopf braust und sich bisweilen zu einem stürmischen Gerassel steigert. Dieses Dröhnen durchdringt ein Gekreisch von Stimmen, das mit einem falschen Zischen beginnt und bis zu einem furchtbaren Gekreisch ­ansteigt, als ob Furien und alle bösen Geister auf mich losfahren würden." So schilderte der ­böhmische Komponist Bedrich Smetana (1824-1884) sein Leiden. In dem Streichquartett "Aus meinem Leben" hat er es sogar musikalisch umgesetzt: Im Finale ertönt über mehrere Takte ein schrilles, viergestrichenes hohes E von der ersten Geige über einem düsteren Tremolo
So wie einst Smetana leiden weltweit Menschen an den unerklärlichen Ohrgeräuschen. Sie hören ein Pfeifen, Brummen, Zischen, Rauschen oder Klopfen – ohne äußere Schallquelle. „So manches Tinnitusopfer hat wegen des neu auftretenden Geräuschs zunächst den Heizungsmonteur oder Fernsehtechniker gerufen, um die vermeintliche Lärmquelle abstellen zu lassen.“
Fünf ‚bis sieben Prozent durch den Lärm im Kopf in ihrer Lebensweise so stark beeinträchtigt, dass sie teilweise ihren Beruf nicht mehr ausüben können’.

Tinnitus ist bis heute nicht wirklich verlässlich heilbar. Die Behandlungsmethoden sind vielfältig und nahezu unübersichtlich. Sie reichen von sogenannten Noisern über Sauerstofftherapien bis hin zu psychotherapeutischen Maßnahmen. Ähnlich diffus und wissenschaftlich kaum greifbar sind die Ursachen für die ungeliebten Begleiter: Entzündungen, Angstzuständen und Schwerhörigkeit bis hin zu Schmerzmitteln, die im Verdacht stehen, Ohrgeräusche zu verursachen.

Es gibt in der Tinnitusforschung zahlreiche Zugänge unterschiedlichster Wissenschaften: Medizin, Audiologie, Technik und Psychologen, Psychiater. Bei der Lektüre verschiedenster Ansätze wurde mir klar: Ich möchte einen theologischen Zugang versuchen.

Spannend fand ich die Entdeckung eines Kultursoziologen, „dass Gott … erst in der Renaissance … zum Gegenstand der Porträtmalerei“ (wurde). Seit der Reformation haben wir viel über GottesBilder gestritten. Vorher wurde er mit Vorliebe als Klanggeschehen aufgefasst, ja als Vibration erfahren. Nicht, dass es keine Götterbilder gegeben hätte - nur ihretwegen wurde schließlich das alttestamentarische Bilderverbot erlassen." Dem Bilderverbot liegt ein Gespür dafür zugrunde, dass etwas ‚sichtbares’ eine andere Realität darstellt, ja Realität geradezu in einer trügerischen Weise zu schaffen vermag. Der Tanz um das Goldene Kalb macht das – im wahrsten Sinne des Wortes - augenscheinlich. „Das Bilderverbot mag also nicht zuletzt dem Verlangen geschuldet sein, der Realität Gottes als akustischer Wirklichkeit Rechnung zu tragen. Das Alte Testament kennt denn Gott auch vor allem als hörbares Ereignis.
In 1. Könige 19.11ff manifestiert er sich dem Elia explizit nicht im Winde oder im Erdbeben, sondern als ‚stilles, sanftes Sausen’. Der Prophet erlebt seinen Gott als milden Ohrenklang, als ein zartes … Rauschen, durch das hindurch die Stimme des Herrn erklingt" „Hören bedeutet im biblischen Sinne immer eine Verinnerlichung der Stimme Gottes.“ So ist nicht das Sehen, sondern das Hören auf die Stimme Gottes ist die Grundlage der Beziehung zwischen Gott und Mensch.

Weniger gut auf das, was er hört, ist Martin Luther zu sprechen. Auch er wurde von Ohrgeräuschen geplagt. Doch hielt er sie nicht für die Stimme Gottes, sondern war davon überzeugt, dass sie nur vom Teufel geschickt können. In späterer Zeit fragte man sich, ob der unerträgliche Lärm in den Köpfen vieler Menschen gar eine persönliche Strafe für eine Abwendung von Gott zu verstehen sei. Eine positive Deutung eines Geräusches, für das man keine kausale Erklärung findet, scheint in den letzten Jahrhunderten verloren gegangen zu sein. Wie die Bedeutung des Hörens allgemein in den Hintergrund getreten ist. Hingegen sind wir heute einer Flut von Bildern ausgesetzt, die kaum noch zu verarbeiten ist: aus Computer, Fernsehen und von Werbetafeln werden wir überrollt. „Demgegenüber verliert sich das Hören.“
Das betrifft zum einen das Hören auf das, was wir häufig als innere Stimme bezeichnen. Sie wird von der permanenten Beschäftigung mit visuellen Eindrücken überdeckt. Mir leuchtet unmittelbar ein, was der Psychoanalytiker Michael Tillmann als häufiges Phänomen bei seinen Klienten beobachtet: Er betrachtet Tinnitus vergleichbar innerem Druck oder innerer Spannung, die sich akustisch niederschlägt. Der Tinnitus ist damit im weitesten Sinne ein Alarmsignal, genauer gesagt ein Alarmsignal der Seele, das ‚übersetzt’ werden will., um den Sinn zu verstehen. „Der Tinnitus muss als Freund, als eigener Teil an- und wahrgenommen werden, nicht als Feind oder böser Angreifer von außen.“ Und ich frage mich, ob man den Ohrgeräusche in diesem Sinne verstanden nicht auch als Anfrage Gottes deuten könnte:
Wer Ohren hat zu hören – der höre, der möge darin nach der Stimme Gottes suchen – und versuchen zu verstehen, was Gott zu sagen hat. Das Hören auf das Wort Gottes trotz aller Rückkehr von Religiosität in die Gesellschaft unmodern geblieben. Schafft sich im Tinnitus sogar möglicher Weise die ganz elementare Frage nach dem Sinn des Lebens, ja als nach einer funktionierenden Beziehung zu Gott nahezu mit Gewalt Gehör? Stattdessen versuchen Medizin und Technik, von der Anfrage abzulenken, indem sie die Geräusche überbieten oder zu ‚neutralisieren‘ versuchen. Keine Frage, in vielen Fällen ist das eine der wenigen erfolgreichen Therapien. Und ganz pragmatisch gesehen muss man ganz klar sagen: Wer heilt, hat Recht – das steht vollkommen außer Frage. Aber wenn es das nächste Mal unerträglich in meinen Ohren rauscht und pfeift (das tut es zum Glück eher selten), dann will ich darauf achten, was gerade schief läuft. Und dabei auch in Betracht ziehen, dass der Herr selbst es sein könnte, der sich stimmgewaltig in mein Leben einbringen will.

Antje Donker


Zitate und Literatur

http://www.gehirn-und-geist.de/artikel/1054493

http://www.gehirn-und-geist.de/alias/medizin/viel-laerm-aus-dem-nichts/939858

Uwe C. Steiner, Ohrenrauschen und Götterstimmen. Eine Kulturgeschichte des Tinnitus, München 2012

Michael Tillmann, Tinnitus - individuelles und gesellschaftliches Leiden, SeelsOHRge 14, 2013