Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin

Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! (Psalm 46,11)

„Seid still“! Dies hören Kinder von ihren Eltern, in der Schule. Dies sagen Pastoren und Pastorinnen zu ihren Konfirmanden und Konfirmandinnen. Doch diese Aufforderung richtet sich nicht nur an Kinder und Jugendliche, sondern an alle Menschen, somit auch an uns Erwachsene. Wir müssten eigentlich nicht mehr ermahnt werden, still zu sein. Eigentlich haben wir ein Gespür, wann wir still sein sollen. Doch viele Erwachsene tun viel dafür, dass es nicht still wird. In meiner Heimatstadt Hamburg kann ich Folgendes beobachten:

-    Viele Menschen laufen mit einem MP3-Player herum.

-          In den Kaufhäusern und Geschäften werden wir mit Musik berieselt.

-          Musik auf den Bahnhöfen soll Junkies vertreiben.

-          Der Straßenlärm durchdringt die Stadt.

„Stille ist out, umgib Dich mit möglichst viel Lärm“ - das scheint mir ein Lebensmotto vieler Zeitgenossinnen und Zeitgenossen zu sein. Dabei wissen wir: Lärm macht krank. Nicht nur unseren Körper, sondern auch unsere Seele. Lärm ist heutzutage eine gute Möglichkeit, sich ablenken zu lassen. Der Mensch bedröhnt sich selbst. Er versetzt sich damit in einen Rausch, um sich selber und seine Umwelt nicht mehr wahrnehmen zu müssen. Der Lärm von außen vergrößert unseren Abstand zu uns selbst und damit zu Gott. Lärm ist letztlich eine Selbstbetäubung des Menschen, ein Ausdruck der Flucht vor sich selbst und vor Gott. Der äußere Lärm verhindert, dass wir Menschen innerlich zur Ruhe kommen.Viele Menschen spüren das und entwickeln eine diffuse Sehnsucht nach Ruhe. Dabei machen sie oft die Erfahrung, dass es in diesen Zeiten schwerfällt, einen geeigneten Ort zu finden, um mal abzuschalten! Der muss richtiggehend gesucht werden. Und wer diesen Ort gefunden hat, macht häufig eine weitere Erfahrung: Still sein ist nicht nur das Gegenteil von laut sein, sondern still werden hat eine tiefere Dimension, als dass es leise um uns herum ist. Leise sein und still werden gehören zusammen, sind jedoch nicht dasselbe. Um innerlich still zu werden, ist eine ruhige Umgebung gewiss hilfreich, jedoch keine Garantie, dass es auch in uns still wird. Stille auszuhalten ist nicht immer einfach. Manchmal auch langweilig. Wer es mal versucht hat, weiß, wie laut es im eigenen Kopf sein kann. Es lärmt und tobt auch bei äußerer Ruhe in unserem Inneren weiter. Es lärmt und schreit auch in uns selbst. Wie selten sind die Augenblicke, wo es in uns drin wirklich ruhig ist! Die Gedanken fliegen durcheinander, ja können regelrecht in einen Wettstreit gelangen. Es streiten die Launen und die Stimmungen und Verstimmungen miteinander, es rufen die Sehnsüchte, es klagen die Sorgen, und die Angst schluchzt auf. Es gibt dann in unserem Innersten keinen Ort der Stille, es herrscht eine ständige Ruhelosigkeit. Dieses auszuhalten ist sehr schwer.

Wie ist nun die Aufforderung von Psalm 46,11 „Seid still und erkennt, dass ich Gott bin!“. zu verstehen?
Dieser Vers hat für mich eine große Bedeutung bekommen. Was Luther hier mit „seid still“ übersetzt hat, müsste man besser mit „lasst los“ übersetzen, denn dies ist die hebräische Übersetzung: loslassen. Das Wort steht auch für einen Muskel, den wir entkrampfen sollen.
Loslassen ist für Luther also gleichbedeutend mit still sein. Was sollen wir denn lassen? Dies ist für jede/jeden von uns gewiss unterschiedlich und situationsabhängig.
Lass zum Beispiel deine Sorgen für einen Moment los. Lass ab von dem, was dich hindert, mit dir/mit Gott in Kontakt zu treten.
So spricht mir folgender Text aus Taizé aus dem Herzen:

Schweigen heißt: mich loslassen – nur einen winzigen Augenblick,

verzichten auf mich selbst, auf meine Wünsche, auf meine Pläne,

auf meine Schmerzen und meine Freuden –

verzichten auf mich selbst.

Nur einen Augenblick DU sagen und GOTT da sein lassen.

Nur einen Augenblick sich lieben lassen –

ohne Vorbehalte, ohne Zögern, bedingungslos.

Dann ist im Schweigen Stille und Reden und Handeln und Hoffen und Lieben zugleich. Dann ist Schweigen: Empfangen.

Loslassen von sich selber, um zu empfangen, dies finde ich einen reizvollen Gedanken. Der Psalmvers ist eine Einladung an uns. So können wir eher unser lautes Innerstes beruhigen, indem wir loslassen, was in uns lärmt und tost. Auch das Finden der Stille ist ein Weg, der eine Übung braucht. Nicht immer gelingt es, durch äußere Stille seine eigene Mitte zu finden. Ich glaube, dass es sich lohnt, diesen Weg mit sich zu gehen und freundlich mit sich zu sein, wenn es nicht immer gelingt, den inneren Lärm abzustellen.
Wir finden Gott in der Stille. So lautet die Zusage des zweiten Teils der Aussage. In der Stille suchen Männer und Frauen seit jeher Gottes Gegenwart. Jesus zog sich selbst immer wieder an einsame Orte zurück, um mit Gott zu sprechen.
Gott kann und möchte die Menschen anreden und rufen. In der Stille ist Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis möglich.
Stille ist eine Chance. Sie gibt Raum zu erkennen, was für uns und unser Leben wirklich wichtig und bedeutend ist. Wenn es um uns und in uns stürmt, dann kommt still und doch kräftig das Psalmwort zu uns: "Sei stille und erkenne, dass ich Gott bin." Lass los und ziehe dich in deine Stille zurück, die jenseits und oberhalb allen Sturmes um dich und in dir ist. Diese Stille vor Gott und in Gott ist eine Haltung, eine bewusste Art zu leben, und sich nicht dem Lärm unserer Zeit auszusetzen. Der Psalmvers in der Zürcher Übersetzung kann uns dabei helfen. „Lasset ab und erkennet, dass ich Gott bin.“

Sabine Spirgatis