„Ich schäme mich nicht!“

Es gibt viele Situationen, in denen sich Menschen schämen: Manche verbergen ihre soziale Herkunft - sie empfinden ihre Armut als Schmach. Andere verschleiern ihre Arbeitslosigkeit und können nicht offen mit ihr umgehen. Wieder Andere schweigen in großen Gruppen und melden sich nicht zu Wort, weil sie sich fürchten, etwas Falsches zu sagen. Häufig haben sie schon einschlägige Erfahrungen gemacht.

Analog erleben auch manche schwerhörige Menschen ihre Realität: Sie verzichten darauf, ein Hörgerät zu tragen, weil sie sich für ihre Hörminderung schämen. Sie empfinden es als peinlich. Keiner soll etwas von ihrer Schwerhörigkeit mitbekommen. Dafür nehmen sie lieber die Schwierigkeiten in Kauf, die mit der fehlenden Sprachverständigung einhergehen. Ihr Schamgefühl ist so stark, dass sie keine andere Handlungsmöglichkeit sehen.

Was ist Scham?

Über Scham wird selten geredet. Es ist ein negatives Gefühl, welches das ganze Denken und Handeln besetzt. Nach außen dringen, wenn überhaupt, unfreiwillige körperliche Reaktionen: Die einen werden schamrot, andere senken den Blick gen Boden oder verbergen ihr Gesicht. Wer sich schämt, möchte nicht, dass jemand dies merkt. Er fühlt sich von anderen Menschen beobachtet. Seine größte Sorge ist die Entlarvung und Entblößung des Grundes der Scham. Dies möchte er unbedingt vermeiden.

Warum schämen sich Menschen?

Sie empfinden eine Diskrepanz zwischen ihrem inneren Idealbild und der Realität. Ihr inneres Bild wird durch die Wirklichkeit gestört. Dadurch entsteht das Schamgefühl: es entblößt eine innere Seite, die eigentlich verborgen bleiben sollte.

Von Scham besetzte schwerhörige Menschen möchten den Schein aufrechterhalten, so gut hören zu können wie früher, wie andere Menschen auch. Sie reden sich ein: Ich bin nicht schwerhörig. Dabei lassen sie sich von unreflektierten Wunschbildern leiten. Sie werden überwiegend durch die Medien („Seifenopern“, Hollywoodproduktionen, Werbung usw.) vermittelt. Ein häufig transportiertes Bild ist der gesunde, sportlich aktive, erfolgreiche, gutaussehende, junge Mensch. Es wird suggeriert, dass es normal und selbstverständlich ist, diesem Bild zu entsprechen. Gebrechlichkeit und körperliche Einschränkungen passen nicht in dieses Bild. Dabei bleibt unberücksichtigt, dass hinter dieser Scheinwirklichkeit eine eigene Marktstrategie steht. Aber: Diese (Schein-)Bilder setzen sich in den Köpfen fest. Die Schwerhörigkeit wird lieber vertuscht und am inneren Selbstbildnis festgehalten, als der Realität ins Auge zu sehen. Damit scheint alles in Ordnung zu sein.

Gibt es einen anderen Umgang mit der Scham?

Es gibt Menschen, die sich nicht für ihre Schwerhörigkeit schämen und ganz offen mit ihr umgehen. Sie machen es wie Paulus. Am Beginn seines Römerbriefes schreibt er: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht“ (Röm. 1, 16). Paulus hat die Gute Nachricht Gottes auf dem Areopag in Athen verkündigt und ist dafür ausgelacht und verspottet worden. Das hat ihn aber nicht gehindert, sich weiterhin öffentlich zur Guten Nachricht Gottes zu bekennen. Er hat die Scham gespürt, sich aber von ihr nicht sein Handeln aufoktroyieren lassen.

So hat er sich und uns Mut gemacht, herauszufinden, ob wir uns tatsächlich schämen sollten oder ob wir uns nur von unserem unreflektierten Idealbild leiten lassen. Die „natürliche“ Reaktion ist, dass wir mit unserer Scham allein bleiben wollen (sie Andere nicht merken lassen wollen).

Aber es gibt auch einen anderen Umgang: Paulus hat gespürt, geglaubt und sich davon leiten lassen, dass Gott uns freundlich ansieht. Bei ihm zählt es nicht ob, wir arm, schwach oder schwerhörig sind.

Diese Zusage, dass Gott uns so annimmt wie wir sind, kann auch schwerhörigen Menschen die Kraft geben, sich mit ihren vermeintlichen Schwächen auseinander zu setzen. Das ist schmerzhaft, weil sie sich von den Idealbildern verabschieden müssen. Erst dann ist es möglich, sich der neuen Realität zu stellen.

Dann verschwindet auch der Grund für die Scham. Da hat Paulus Recht. Mit dieser Kraft können sie lernen, sich so anzunehmen wie sie sind, ohne „Gesichtsverlust“: Das ist ein heilsamer Prozess, weil sie nun der Realität direkt ins Auge blicken können: Schäme dich nicht für Deine Schwerhörigkeit!

Die Annahme und die Zusage Gottes sind ein Korrektiv für die inneren (falschen) Idealbilder. Sie ermöglichen uns allen, diese hinter uns zu lassen, neue Wege zu gehen und neue Lösungen zuzulassen.

Sabine Spirgatis